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Die ZEIT, 04/2001
Hanne Weskott
Robert Ryman: Die unbunte Farbe Weiß

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Die unbunte Farbe Weiß
Was macht ein Bild aus? Wo fängt die Wand an? Antworten in den Gemälden des amerikanischen Malers Robert Ryman in München


Hanne Weskott

Vielfalt, nicht Reduktion, ist das Anliegen von Robert Ryman, obwohl er sich seit mehr als vier Jahrzehnten auf die ,unbunte' Farbe Weiß beschränkt. Nachzuprüfen ist das derzeit im Münchner Haus der Kunst, das mit der Retrospektive zum 70. Geburtstag des Künstlers eine kleine Sensation geschaffen hat.

Es ist die erste Übersicht über das Werk des Künstlers in Deutschland seit 1981. Eine Ausstellung dieses amerikanischen Malers zusammenzustellen ist ein schwieriges Unterfangen. Die Bilder werden wie Ikonen gehandelt, und ihre Ausleihe ist kompliziert. Das Haus der Kunst kann nicht nur auf eine gute Zusammenarbeit mit den Hallen für Neue Kunst in Schaffhausen verweisen, die eine der umfangreichsten und schönsten Ensembles von Ryman beherbergen, sondern auch eine Reihe von Arbeiten aus Privatbesitz zeigen, die bislang in Europa kaum oder überhaupt nicht ausgestellt waren. Trotzdem ist nicht zu übersehen, dass sich gerade das Haus der Kunst für ein solches Unterfangen nicht besonders gut eignet. Die subtilen Arbeiten Rymans rücken das hohe Pathos der riesigen Räume voll ins Bewusstsein. Das zu bemerken spricht zwar für die Kunst, ist aber nicht ihre Aufgabe. Dennoch bleibt die Sensation dieser Ausstellung, und das nicht nur im Sinne des Ungewöhnlichen, sondern als Erlebnis. Das zu erfahren freilich fordert Konzentration, Zeit und Lust am Schauen.

Eine Retrospektive von Robert Ryman ist keine Rückschau im üblichen Sinn. In seinem Werk gibt es keine lineare Entwicklung. Sein Weg führte nicht über die Reduktion von Farbe bis hin zum Weiß, sondern Weiß ist als Summe der Komplementärfarben und als Reflexion des Lichts von Anfang an da. Ryman bewegt sich nicht von A nach B, sondern kreist immer um dasselbe Thema. Seine künstlerische Entwicklung kann man auch als eine extrem in die Länge gezogene Konzentrationsübung auf einen einzigen Punkt bezeichnen. Es handelt sich dabei um die grundsätzliche Frage: Wie geht man mit Farbe um? Daraus ergibt sich ein ganzes Fragenspektrum: Was macht ein Bild aus? Wo beginnt, wo endet es? Wo fängt die Wand an, wo der Raum? Sind die Befestigungen des Bildes an der Wand, im Rahmen, auf einem Träger Bestandteil des Bildes oder nicht?

Das farbige Weiß wird vor dem Hintergrund dieser Fragestellung nicht nur zur Summe aller Farben, sondern zu einer weiteren Übung in Konzentration. Kein Geschrei der Farben soll vom Wesentlichen ablenken. Das ist auch der Eindruck, den die Person Robert Ryman vermittelt: kein überflüssiger Pinselstrich, kein Wort zu viel. In seinem Atelier scheint es keinen Abfall zu geben. Damit bekommt die bekannte Anekdote, dass Blätter von ihm einmal als gebrauchte Papiere ohne Beanstandung den Zoll passieren konnten, eine andere Bedeutung. Die Beschränkung auf eine Farbe zieht bei Ryman aber keine weiteren Beschränkungen nach sich. So dachte er über gebrauchte Leinwände, Metalle und Ähnliches nach. Farbmaterialien oder Bildträger werden jedenfalls in allen möglichen Varianten genutzt. Es gibt ebenso lackierte Holzflächen wie Acryl auf Fiberglas oder Öl auf aufgespannter oder nicht aufgespannter Leinwand oder Gouache auf Papier. Weiß ist für ihn ein Medium, keine symbolische Aussage und auch keine Metapher. Weiß steht nicht für das Ende der Malerei. Es ist keine Verweigerung der Farbe, sondern ist selbst farbig. Überspitzt ausgedrückt könnte man sagen, dass Rymans Bilder extrem realistisch sind, und zwar nicht, was die Darstellung anbelangt, sondern von ihrem Grundgehalt her. Es geht um das reale Zusammenspiel von Farbe als Sinnesreiz und Farbe als Materie. Was geschieht, wenn der farbdurchtränkte Pinsel auf der Fläche wieder rein gestrichen wird? Auf diese Weise kann man die Entmystifizierung der Kunst betreiben und selbst einen neuen Mythos schaffen.

Ryman sucht Sensationen im ursprünglichen Sinn des Wortes

Robert Ryman, 1930 in Nashville, Tennessee, geboren, kommt 1952 nach New York, um Musik zu studieren. Sein Interesse gilt dem Jazz. Um seinen Unterhalt zu verdienen, jobbt er als Aufsicht im Museum of Modern Art, sein Damaskus-Erlebnis. Sieben Jahre behält er diesen Job bei. Im MoMa lernt er den hoch verehrten Mark Rothko persönlich kennen, aber auch einige jüngere Kollegen wie Dan Flavin, der ebenso wie er seinen Unterhalt als Aufseher bestreitet, aber auch Sol Lewitt, der am Empfang arbeitet. Ab 1961 widmet sich Ryman nur noch seiner Kunst. Er heiratet die Kritikerin Lucy Lippard, zieht mit ihr in die Bowery, wo er Eva Hesse trifft. Ryman, im selben Jahr wie Jasper Jones, Raimund Girke und Günther Uecker geboren und in etwa gleichaltrig mit Sol Lewitt und Robert Rauschenberg, Carl Andre und Richard Serra, ist im Vergleich zu seinen amerikanischen Kollegen nie populär geworden. Er trifft mit seiner Kunst in die Zeit des ZERO, eine europäische Form von künstlicher Reduktion, bei der die Klarheit der reinen Farbe und die dynamischen Lichtschwingungen im Vordergrund stehen. Der Verzicht auf alles Figürliche ist darin ganz selbstverständlich impliziert.

Allen diesen Künstlern und auch Robert Ryman kommt es auf ein sinnliches Erlebnis, auf eine Sensation im ursprünglichen Sinn des Wortes an. Die unbunte Farbe Weiß in allen ihren möglichen Schattierungen, farbigen Nuancen und lichtbedingten Veränderungen als eine Möglichkeit der Malerei in ihren Grundbegriffen zu erleben ist das zentrale Thema von Ryman, das er in Ausstellungen immer wieder von neuem inszeniert. Es gibt also auch im Haus der Kunst keine zeitliche Abfolge der 50 Werke aus der Zeit von 1961 bis heute, sondern eine Ordnung von Farbstimmungen und -tönen und eine Vielfalt an Farbträgern, was demjenigen, der sehen kann, zum spannenden Erlebnis wird.

Robert Ryman - Retrospektive im Haus der Kunst, München, bis 18. Februar 2001; im Kunstmuseum Bonn vom 22. März bis 27. Mai 2001