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FRIEZE 115, May 2008
Dominic Eichler
Wolfgang Plöger
Konrad Fischer Galerie, Berlin, Germany


Shadows and projections loomed large in Wolfgang Plöger’s impressive debut solo exhibition, ‘I did not know anybody was there’ – a rather humble title for the second offering in the legendary Dusseldorf gallery’s new Berlin space. Plöger’s ensemble – consisting of a series of books produced by the artist lined up on a plywood reading table; noisy, battered projectors, some feeding floor-to-ceiling film loops; and a cluster of two-tone abstract sculptures – looked as if it could have been produced in the gallery’s early days, rather than just last year.

But Plöger’s show was more than a style-conscious revisiting of the late 1960s and ’70s. The twist to his apparently old-school approach was that his series of hardcover books, ‘Google Image Search’ (2003–ongoing), contained the collated results of some Internet probing. Each picture book is devoted to keywords searched at particular times and dates including: ‘nude’, ‘9–11’ and ‘weapons’. There were no real surprises, because although it is constantly shifting, the Internet tends to give a lowest-common-denominator view of life on the planet. ‘Nude’ was particularly grim. ‘Someone had to do it,’ quipped a fellow critic in response to the series; and he is probably right, since search engines are almost certainly as common artistic tools as paintbrushes nowadays, and in some respects ‘found data’ is arguably the new ‘found object’.

Plöger’s playful-looking series of sculptures, ‘Transportkisten für einen Schatten’ (Transport Boxes for a Shadow, 2007), hover agreeably between idea and object. To produce them, the artist made plinths, illuminated them and then built thin, angled plywood boxes to conform to the shapes of the shadows, before finally perching each sculpture on its plinth. Looking at them makes you puzzle about exactly which light source from which angle could have produced each box’s form. There seems to be more than geometry skills involved: implicit in these sculptures is the idea of another time, another space and a different set of conditions, making these works, amongst other things, small monuments to the notion of contexts in flux. Scale or size in the world of shadows is a question of a set of relations.

The two interlocking parts of the slim archive boxes also resemble an Expressionist’s rendering of a film canister. Presumably, if opened, they would contain nothing but the idea of a shadow once cast in the artist’s studio. (The no-frills approach to their manufacture – recalling Modernist prototypes or Arte Povera works rather than the highly polished, at-arm’s-length finish of a furniture designer or joiner’s workshop – seems to hint they were created in the artist’s studio.) There is also something appealing about the inversion of the standard cliché that ideas and inspiration are best depicted through bulbs, beams or sparks of light. (Shadows are anathema to the exaggerated visibility of things in glowing white cubes). Instead, Plöger’s shadow boxes make productive the planes and angles of shady corners.

More planes and angles formed the basis of two of Plöger’s film loops. Tumbling Wall (2007) is a stop-motion animation of a black studio wall painting, which creates the illusion of falling architecture. The artist multiplied the footage by three, and used red and green glass filters in front of the projectors, which, besides looking good, forced filmed fact to become abstract image. Next to it, Oscillating Space (2007) was a Super-8 trio: an animated sequence of drawings generating the illusion of a moving camera filming inside a sketched room. Both works conjured something akin to an ‘imitation of life’ through mechanical movement.

Elsewhere, the final film loop in the show Last Statement (2007), dragged along the floor around a tin can and a tin of paint. The green film stock had a marker pen text written on it that was gradually losing its hold, and completely illegible as a postcard-sized projection on the wall. Crouching and straining your eyes, you could just make out the words on the loop: the same ones that gave the exhibition its title, ‘I did not know anybody was there’; apparently the final words of an unnamed prisoner on death row.

Dominic Eichler

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taz, 17.04.2008

Naoko Kleinschmidt
Mathe trifft Kunst in Wien. Magische Quadrate
"Genau+anders" im Museum Moderner Kunst, Stiftung Ludwig, Wien

www.taz.de/1/leben/kuenste/artikel/1/magische-quadrate/

Mathe trifft Kunst in Wien
Magische Quadrate

Wie mathematische Fragestellungen die Avantgarden des 20. Jahrhunderts beeinflusst haben: "Genau+anders" im Museum Moderner Kunst, Stiftung Ludwig, Wien VON NAOKO KALTSCHMIDT

Während in Deutschland das Wissenschaftsjahr der Mathematik ausgerufen wurde, gibt im südlichen Nachbarland diese Königsdisziplin Anlass für eine groß angelegte Kunstausstellung im Museum Moderner Kunst in Wien. Weniger die Relevanz ästhetischer Prinzipien oder kreativer Vorgehensweisen für die mathematische Forschung als vielmehr die umgekehrte Beeinflussung der bildenden Kunst durch die Wissenschaft stehen im Vordergrund der Schau, wobei die im Titel anklingende Chronologie jedoch eher in die Irre führt, beschränkt sich die Bestandsaufnahme doch primär auf einige, freilich bedeutende Kunstströmungen des 20. Jahrhunderts.

Am Beginn des Parcours allerdings besinnt man sich recht eingehend auf den berühmten Stich "Melencolia I" (1514) von Albrecht Dürer, in dem der Künstler als Universalgelehrter auch als der paradigmatische Vertreter der ohne Übertreibung als revolutionär zu bezeichnenden neuzeitlichen Erforschung der Zentralperspektive auftritt. Und so steht eingangs also jene grübelnde, in introvertierter Haltung sitzende Figur mit den für ihren mächtigen Körper unproportional kleinen Flügeln, die von allerlei wundersamem Werkzeug flankiert ist. Sie stimmt ein, in jene Form der Vertiefung, die ganz vom gedanklichen Experiment getragen wird, kaum aber von unmittelbaren Sinneseindrücken. Just dieser Umstand garantiert nun den Reiz dieser Schau, handelt es sich bei der Zusammenführung von Mathematik und Kunst doch um eine durchaus kontrastreiche Gegenüberstellung. Erfreulicherweise wurde es vermieden, die Artefakte auf eine bloße Illustration rechnerischer Phänomene zu reduzieren. Manche Zusammenstellung oder auch die Hängung wirken allerdings mitunter etwas unscharf. So erscheinen die Kinobilder von Hiroshi Sugimoto oder eine übereck gestellte Spiegelkonstruktion von Michelangelo Pistoletto als Beiträge zum Thema Unendlichkeit doch arg platt. Anregender ist da schon die manische Seite der Beschäftigung mit Zahlen: Die (Lebens-)Werke von Hanne Darboven, On Kawara und Roman Opalka legen in ihrer ungeheuerlichen Rigorosität Zeugnis ab für ein geradezu existenzielles Bedürfnis nach Ordnung und Systematik, die, wenn auch hermetisch, mit ihrer Intensität beeindrucken.

Der Großteil der über 300 gezeigten Arbeiten aber lässt sich auf eine Auseinandersetzung mit einem geometrischen Formenvokabular zurückführen. Natürlich bildet das Quadrat hierbei einen Schwerpunkt, innerhalb dessen von Kasimir Malewitsch über Bruce Nauman bis hin zu Peter Weibel implizit eine Art Genealogie vorgeschlagen wird. Ebenso unverzichtbar wie kaum überraschend ist die Minimal Art mit ihren raumgreifenden, jede Abbildungsfunktion negierenden und dafür völlig in der Objekthaftigkeit verbleibenden Werken von Carl Andre, Donald Judd oder Sol LeWitt vertreten. Spannend wird die Ausstellung dort, wo dem nach wie vor weniger bekannten Oeuvre von Ruth Vollmer auffallend viel Raum gewidmet wird. Ihr künstlerischer Ansatz speist sich aus einer profunden Auseinandersetzung etwa mit der Riemannschen Vermutung, einem der bedeutendsten ungelösten Probleme der Mathematik, oder auch vormodernen mathematischen Vorstellungen. Ein weiteres Beispiel für einen tatsächlich interdisziplinären Diskurs liefern die nicht minder eindrucksvollen, farbenprächtigen Rasterbilder von Vertretern der Konkreten Kunst wie Theo van Doesburg, Johannes Itten oder Richard Paul Lohse, die sich der Malerei mathematisch, nämlich "mit den Mitteln des Denkens" nähern.

Ein kleiner kuratorischer Coup gelingt dieser Schau mit einem Rekurs auf eine surrealistische Ausstellung von 1936, bei der "Objets Mathématiques", modellhafte Übersetzungen von Formeln ins Dreidimensionale, gezeigt wurden, die Man Ray und Max Ernst im Pariser Institut Poincaré entdeckt hatten. In Wien nun werden ähnlich große Plastiken von Vollmer, Kurt Schwitters oder Max Bill in egalitärer Weise mit Objekten aus den Beständen naturwissenschaftlicher Institute in einer Vitrine arrangiert und so in Dialog gesetzt. Anhand der in unmittelbarer Nachbarschaft aufgestellten konstruktivistischen Arbeiten der Brüder Naum Gabo und Antoine Pevsner (etwa "Konstruktion für einen Flughafen", 1934) lässt sich darüber hinaus das bis in utopische Sphären reichende Potenzial solcher vom Abstrakten ausgehenden Formexperimente vorstellen, so wie Robert Musil den Mathematiker dachte als "eine Analogie für den geistigen Menschen, der kommen wird". Angesichts der gebotenen Fülle an heterogenen Positionen bleibt letztlich die Einsicht, dass nicht nur der künstlerische Umgang mit mathematischen Fragestellungen von einer mitunter geradezu kryptischen Sinnlichkeit ist, sondern selbst für diese ungemein exakte Wissenschaft fernab der Empirie Gleiches gelten kann.