Die verblüffende grundlegende Idee meiner Arbeiten ist es, Klang aus der Zeit zu lösen und ihn stattdessen zu einem Ort werden zu lassen
— Max Neuhaus
Max Neuhaus (1939–2009) war der erste Künstler, der Klang in den Bereich permanenter Skulptur überführte. Als Begründer des Begriffs Sound Installation veränderte er das Verständnis des Mediums grundlegend, indem er Klang nicht länger als zeitlich begrenztes Ereignis, sondern als räumliche Entität definierte. Während die traditionellen bildhauerischen Künste Wahrnehmung über Form und Farbe modulieren, arbeitete Neuhaus mit dem Ohr: Er formte die akustischen Eigenschaften eines Ortes, um die Art und Weise zu verändern, wie Raum erfahren und wahrgenommen wird.
Neuhaus begann seine Laufbahn als virtuoser Schlagzeuger. Nach dem Abschluss seines Master of Music an der Manhattan School of Music im Jahr 1962 tourte er mit Pierre Boulez und Karlheinz Stockhausen und gab Solokonzerte in der Carnegie Hall. Die physischen Begrenzungen der perkussiven Praxis führten ihn zu elektronischen Mitteln und neuen klanglichen Denkweisen; seine Realisierung von John Cages Fontana Mix Feed (1966) gilt als Meilenstein der elektronischen Musik und erweiterte die Möglichkeiten von Feedback und Klangfarbe nachhaltig.
1968 wandte sich Neuhaus vom Konzertbetrieb ab, um außerhalb konventioneller kultureller Rahmen zu arbeiten. In bewusster Abgrenzung zur Musik zielte seine Praxis nicht darauf, Klang als zeitlich entfaltetes Ereignis zu präsentieren, sondern ihn zur Artikulation von Raum einzusetzen. Seine Arbeiten funktionieren in der Regel kontinuierlich, 24 Stunden am Tag, ohne eindeutige Markierungen oder Beschilderungen, und integrieren sich unaufdringlich in den Alltag.
Exemplarisch hierfür ist Times Square (1977), ein resonanter, immersiver Klang, der aus einem Lüftungsgitter im Straßenbelag von Midtown Manhattan aufsteigt. Subtil und zugleich allgegenwärtig, lädt die Arbeit zu aufmerksamem Hören ein, statt auf spektakuläre Sichtbarkeit zu setzen. Bereits das frühe Werk Listen (1966), bei dem Teilnehmende durch urbane Klanglandschaften geführt wurden, formulierte diesen Paradigmenwechsel vom Aufführen von Klang hin zur Kultivierung des Hörens.
Neuhaus realisierte permanente und temporäre Arbeiten in den Vereinigten Staaten und Europa, darunter Installationen am Museum of Contemporary Art Chicago, am CAPC Bordeaux, im Castello di Rivoli, in der Kunsthalle Bern sowie ortsspezifische Projekte in Genf und Worblaufen. Seine Arbeiten wurden von führenden Institutionen präsentiert und gesammelt, darunter The Museum of Modern Art, das Whitney Museum of American Art und die Biennale von Venedig. Er nahm an der documenta 6 (1977) und der documenta 9 (1992) teil. Über mehr als drei Jahrzehnte hinweg schuf Neuhaus ein bedeutendes Œuvre aus permanenten öffentlichen Klangarbeiten und temporären Installationen für Museen und Ausstellungen, ergänzt durch zahlreiche Einzelausstellungen seiner Zeichnungen.
