Gregor Schneider hat 1986 begonnen, vollständige Räume zu bauen, die die Räume genau reproduzieren, in die sie im Haus u r eingebaut wurden, einem bescheidenen, etwas heruntergekommenen Wohnhaus an der Unterheydener Straße 12 im Mönchengladbacher Stadtteil Rheydt. So verbindet sich sein Werk mit Werken von Künstlern und Künstlerinnen von Robert Smithson bis Tacita Dean oder von Gordon Matta-Clark bis Absalon und Andrea Zittel, die einen bestimmten Ort zu ihrem Gegenstand machen. Schneider interessieren Räume, die sich im Stadium des Verschwindens befinden.
Räumen können wir nicht entkommen. Dieser Aussage entspricht Schneider mit einer ästhetischen Strategie der Verdoppelung gegebener Räume. Durch ihre Reproduktion verlieren die Räume alles, was an ihnen vertraut gewesen sein mag. Schneiders Räume tragen die Zeichen kleinbürgerlicher Existenz und in ihnen ist die Verlassenheit total. Die Verlassenheit von Räumen, denen wir nicht entkommen können, gehört zu deren grundlegender Bestimmung, auch wenn im Badezimmer das Wasser läuft, als würde jemand gleich zurückkommen. Da es unsicher war, ob Schneider das Haus u r auch in Zukunft würde nutzen können, hat er die reproduzierten Räume wieder ausgebaut, in einer Halle gelagert, an anderen Orten erneut eingebaut und identische Räume ein zweites Mal gebaut, so dass jede Orientierung an einem Ort außerhalb des betreffenden Raumes verlorengeht. Die Mitbewohnerin in der Unterheydener Straße, Hannelore Reuen, lässt er sagen: „Er möchte verschiedene Leben führen, um aus dem Haus herauszukommen. Aber er schleppt das Haus überall mit hin. Ich glaube, er wird da nie rauskommen.“ Geprägt durch ihre unumkehrbare Verlassenheit, nehmen die Räume uns gefangen. Bei Schneider verkörpern die Räume eine gesellschaftliche und geschichtliche Macht, der wir uns nicht entziehen können. Sie macht es unmöglich, zu Hause zu sein.
Dieser Macht zu begegnen, wurde zur unausweichlichen Herausforderung, als Schneider auf eine real bereits bestehende Verdoppelung aufmerksam wurde. Nicht weit vom Haus an der Unterheydener Straße 12, seinem Haus u r, stieß er im Jahr 2007 an der Odenkirchener Straße 202 auf ein sehr ähnliches Gebäude. Dieses Haus war das Geburtshaus von Joseph Goebbels, dem späteren Propagandaminister des Naziregimes. Schneider begann nach Spuren dieser vergangenen Existenz zu suchen und machte zwei Videos, in denen er sich mit dem Unmenschen identifiziert, Essen und Schlafen. Schließlich aber wusste er sich gegen den „Geist des Nazismus“ nur zu helfen, indem er das Innere des Gebäudes „pulverisierte“ und den Schutt auf einer Deponie ablud. Vom Geburtshaus von Goebbels ist nicht viel mehr geblieben als der Abguss des Klingelbretts, realisiert als Kerze, zum Abbrennen (Unsubscribe, 2014).
Seit langem hat Schneider die affirmative Verdoppelung von Räumen mit Fragen nach verbleibender Anwesenheit des Vergangenen begleitet. Ich werfe nie etwas weg. Nicht mehr gebrauchte Materialien, z. B. Trümmer aus abgebrochenen Einbauten, werden zu Skulpturen zusammengepackt (RS [Recyclete Skulptur], 1996–2023), eingeschweißt und auf Paletten gesetzt. Das geht bis zu Essensresten, die Schneider 1990 in Gipssteine eingeschlossen hat. Im großen Maßstab begegnet er seit Jahrzehnten in der Nähe seines Wohnorts der Zerstörung von Dörfern und Landschaften, die dem Rheinischen Braunkohletagebau zum Opfer fallen. Was bleibt von den verschwundenen Dörfern? In einem „Amateurvideo“ geht Schneider über eine Brache und steht plötzlich vor einem Erdhaufen mit menschlichen Knochen, die von einem aufgelassenen Friedhof stammen (KNOCHENHÜGEL, Hofstraße, Alt-Otzenrath, 2008). Eine Serie von sachlichen Photographien zeigt die Häuser, die für die umgesiedelten Bewohner eines verschwundenen Dorfes errichtet wurden (GARZWEILER, 2008–2013). Schließlich hat Schneider die Landschaft gefilmt, die nach dem Abbau der Braunkohle entstanden ist: Eine Autobahn in der Ferne zieht den Horizont einer zweigeteilten Szene, über der die Sonne mit bedrohlich roten und gelben Farben untergeht (KUNSTLANDSCHAFT, Tagebau Garzweiler, 2022), und Sonnenschirme mit Liegestühlen, nach Sonnenuntergang mit synthetischen Farben beleuchtet, fordern dazu auf, die Dystopie der verschwundenen Wirklichkeit als „Terra nova“ zu betrachten (SONNIGER UNTERGANG, Tagebau Hambach, 2022).
In seinen neueren Arbeiten ist Schneider von der Affirmation zugleich verlassener und unentrinnbarer Räume übergegangen zur Aufzeichnung der post-apokalyptischen Realität einer artifiziellen Landschaft. Der Ausstellungstitel Homeless bezieht sich dann nicht nur darauf, dass Schneiders ausgebauten Räumen und auf Paletten gesetzten Skulpturen der feste Ort fehlt, sondern vor allem auch darauf, dass die Verwüstung der Dörfer und der Landschaft ein „Neuland“ generiert, das jede Vorstellung einer „Heimat“ obsolet macht.
Ulrich Loock
