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Paul Czerlitzki
Disorder, Berlin, 15 Februar - 12 April 2025
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Paul Czerlitzki: Disorder

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Paul Czerlitzki, Disorder

Malerei erzeugt Gewinn. Farbe, Leinwand und weitere Vokabeln im Alphabet der Malerei gerinnen durch den künstlerischen Einsatz zu einem neuen Wort, zu einem Wert, der vorher nicht da war. Dies kann ein Tafelbild sein, ein Zeichen an der Wand. Der Gewinn kann in Verkäufen an Sammlerinnen und Sammler bestehen – gerne an Museen – aber auch im Austausch, in einer Anerkennung der Kunstwerke und den damit gemachten Erfahrungen.

Notwendigerweise stehen dem Verluste gegenüber: von investierter Zeit, vergeblicher Mühe, von Kontrolle. Analytisch wie strategisch schlägt es Paul Czerlitzki auf die Erforschung der Verlustseite. In aktiver Beobachtung verbleibt er dort, wo Malerei sich als Panoptikum isolierter Elemente darstellt, von Pigment zur malerischen Geste, von verstreichender Zeit der Administration, Produktion und Rezeption bis hin zum räumlichen Einfluss, den das Studio oder die Ausstellung auf seine Werke ausüben können. Von hier aus fällt die Erzeugung von Gewinnmargen leichter, selbst wenn die karge Ausbeute eine Spur ist.

Spuren sind charakteristisch für alle in dieser Ausstellung präsentierten Werke, in der Serie Untitled etwa von durch offenporige Leinwände auf darunter liegende Leinwände gesprühter Farbe. Die Serie RELAY hingegen nimmt überschüssige, vom Sprühnebel aufgenommene Pigmente früherer Arbeiten auf, und wird mit einem neuen Farbton überlagert. Zufällig entstandene Sedimente werden zum Malgrund, barockes Ornament zur verhüllten Struktur. Schon lange choreographiert Czerlitzki seine Bilder anhand strenger Regeln durch die Zeit, so dass jede Serie ihre Vorgänger verbirgt und die Geschichte eines jeden Werkes faktisch wie konkret außerhalb ihrer Reichweite liegt.

Jede Serie multipliziert das Verlorene. Die Ausstellung ist insofern als Fazit zu begreifen, als das die Verlustökonomie nicht nur schrittweise, sondern selbstbewusst und offensiv gegen sich selbst gewendet wird, ganz im Sinne eines Modells. Die Störung (Disorder) wird zum Prinzip.

Czerlitzki perforiert seine Praxis in den Ausstellungsraum hinein, von Wand zu Bild zu Wand. Die neuen Untitled-Leinwände sind gespalten, zwei Hälften einer Standard-Leinwand liegen als Filter auf einer weiteren, deren Rahmen einer Wand oder einem Türeingang entsprechen kann. Schon beim Eintritt in die Ausstellung erscheint eine Außenseite: eine Rigips-Wand und deren tragende Aluminiumstruktur.

Trotz aller subkutaner Melancholie ist Czerlitzkis Idee von Malerei weniger als „Trauern“ zu verstehen, das, begonnen mit Marcel Duchamp, die Debatten um die Relevanz der Malerei durch das 20. Jahrhundert bestimmen sollte. Sie ist in der Gegenwart verhaftet, deren erschöpfte Fortschritts- und Wachstumsimperative sie mit ihrem Grundgedanken des progressiven Verlustes zurückspiegelt. Beständig um die Möglichkeit der Selbstauflösung kreisend stellt jede Arbeit ein schwarzes Loch in Czerlitzkis expansivem Universum dar, das mit anderen konkurriert.

– Martin Germann

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