Im Vergleich zu anderen Künstler*innen der Galerie wurden die Werke von Joseph Beuys nur wenige Male bei Konrad Fischer gezeigt; genau genommen in drei Ausstellungen: Drei Teile des Aktionssockels von „24 Stunden“, 5. Juni 1965, 0-24 h im September 1976 in der Düsseldorfer Neubrückstraße sowie dumme Kiste an lediglich einem Tag im Mai 1983 und hinter dem Knochen wird gezählt - Schmerzraum von Dezember 1983 bis Februar 1984, beide Ausstellungen in der Mutter-Ey-Straße.

Der Aktionssockel war Teil des 24 Stunden Happenings in der Wuppertaler Galerie Parnass von Rudolf und Anneliese Jährling, an der neben Beuys auch die Fluxus-Künstler Wolf Vostell, Charlotte Moorman, Bazon Brock, Nam June Paik, Tomas Schmit und Eckart Rahn beteiligt waren. Während der 24-stündigen Aktion von Jospeh Beuys mit dem Titel und in uns … unter uns …landunter wurden mehrmals hintereinander Handlungen ausgeführt: stehend, liegend oder sitzend auf einer mit einem weißen Wachstuch bedeckten Apfelsinenkiste, dem „Aktionssockel“.

Beuys folgte dabei einer Partitur, mit „Energieplan“ betitelt, und spielte Geräusche, Musik (George Brecht, Eric Andersen) und Textfragmente von einem Tonbandgerät ab. Neben der Kiste und einem Glas mit Christrosen-Extrakt befanden sich weitere „geheimnisvolle Gegenstände“ und Fett-Objekte, wie sich die Wuppertaler Sammlerin Stella Baum erinnert. Die Aufnahmen von Ute Klophaus und Bodo Niederprüm zeigen Beuys, das Gesicht an einen Fettkeil lehnend. Auf dem Boden Bronze-Wurfkreuze, eine Fettkiste, eine Schachtel mit Zuckerwürfeln, eine Filzrolle, Hasenbälge, eine Puddingform, Boxhandschuhe, spaten- und keilförmige Holzobjekte und ein Spazierstock mit Fett. Mehrmals hielt Beuys einen zur Herzform zusammengeschweißten Doppelspaten mit beiden Armen vor die Brust. Eine überaus intensive, konzentrierte und kräftezehrende Performance, bei der Beuys, wie sich Rudolf Jährling erinnert, als einziger 24 Stunden wach blieb.

Im Partitur-Text beantwortet Joseph Beuys die Fragen „Wer ist der Krümmer des Raums? Wer ist der Krümmer der Zeit?“ mit dem Verweis auf den Menschen als Erzeuger von Zeit und „Überzeit“, von Raum und „Gegenraum“, als Generator und als eigentlichen „Erzeuger der Wahrheit“. In der Beuys’schen „Wärmetheorie“ werden Vorstellungen von der Dehnung von Zeit und Raum erweitert („Die Formeln von Planck und Einstein bedurften dringend der Erweiterung.“), die, so Magdalena Holzhey, als grundsätzliche Kritik an der modernen Wissenschaft gelesen werden können. Beuys verbindet diesen Wissenschaftsbegriff auch mit seinem Verständnis von Wärme als plastischem Prinzip und entwirft darüber hinaus eine radikale und allumfassende Idee von Kunst als „Freiheitswissenschaft“. Mit seiner 24-Stunden-Aktion von 1965 konfrontierte Beuys sein Publikum mit einer völlig neuen Art von ganzheitlicher, intensiver, teils überaus hermetischer und irritierender Performance, mit einem neuen Modus künstlerischen Handelns.

Nicht weniger irritierend wirkte 1983 die Installation hinter dem Knochen wird gezählt / SCHMERZRAUM, 1941-1983, in der Joseph Beuys einen Raum in der Konrad Fischer Galerie in der Mutter-Ey-Straße vollständig mit auf Stahlträgern angebrachten, verlöteten Bleiplatten auskleidete. Der bunkerartige Raum wurde durch eine nackte Glühbirne, deren schwaches Licht zwei an der Decke montierte silberne Ringe unterschiedlicher Größe, die Kopfumfänge eines Erwachsenen und eines Kindes symbolisierend, beleuchtete. Auf dem Boden befand sich lediglich ein grau lackiertes Telefon. Das Blei als möglicher Schutzmantel gegen radioaktive Strahlen, das Silber als ein stark Wärme leitendes Material, das Telefon immerhin als eine Möglichkeit einer Kommunikation.

Schmerz, körperliches und seelisches Leid, Wunde und Tod ziehen sich als Themen durch das gesamte Oeuvre von Joseph Beuys. Eine besondere und seinerzeit sehr aktuelle Bedeutung kommt diesem Themenfeld im Kontext der Debatte um den NATO-Doppelbeschluss von 1979 und um die Aufrüstung beider deutscher Staaten mit atomaren Kurzstreckenraketen zu. Es ist die Zeit, die sich an die „Anni di Piombo“, die bleiernen Jahre des Terrors der RAF und der Brigate Rosse anschließt. „Es ist für mich keine Frage - die Zeitbombe tickt. Alles ist so verknöchert, daß kaum noch Bewegungen möglich sind. Ja, erst hinter dem Knochen wird gezählt.“, erklärt Beuys im Gespräch mit Heiner Stachelhaus.

Catherine Nichols verweist auf den Schmerzraum als Schwellenraum, als Symbol für Transformation und die Erfahrung des Übergangs, eine direkte Konfrontation des Betrachters mit einer traumatischen Situation. „Hier ist es klar, daß ein Bewußtsein ohne den Tod unmöglich ist. (…) Mit anderen Worten, der Tod hält mich wach.“, sagt Beuys 1973 in einem Gespräch mit Achille Bonito Oliva. Bruce Naumans „Yellow Room“ (1973) oder Gregor Schneiders „u r 8, Total Isolierter Toter Raum Giesenkirchen“ (1989) sowie sein kürzlich im Staatstheater Darmstadt präsentierter „Sterberaum“ sind inhaltlich ähnlich verortet und erleben in der jetzigen Krisensituation noch einmal eine besondere Aktualität.

Zum Schmerzraum, der sich heute in der Sammlung La Caixa in Barcelona befindet, hat Klaus Staeck 1984 eine Siebdruck- und eine Postkarten-Edition aufgelegt. Die Fotografien stammen von Dorothee Fischer, die bereits seit 1967 alle Ausstellungen bei Konrad Fischer auch dokumentarisch begleitet hat. Den schlichten Stirnreifen aus Blei und Bleilot mit der Dedikation „Für Conny“ hatte Joseph Beuys 1984 gefertigt.

Für freundliche und großzügige Unterstützung dankt die Konrad Fischer Galerie dem Team des FRAC Grand Large Hauts-de-France in Dunkerque (Keren Detton, Anne Blondel, Christine Bonte und Mathieu Lamblin), dem Service des Musées de France, Paris, der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen (Prof. Dr. Susanne Gaensheimer, Dr. Anette Kruszynski, Dr. Isabelle Malz), Anny de Decker und Stella Lohaus, Bogomir Ecker, Karl-Heinz Rummeny sowie Prof. Dr. Eugen Blume, Dr. Catherine Nichols und Pia Witzmann für die Anregung zu dieser Ausstellung. Ein sehr herzliches Dankeschön gilt Eva, Jessyka und Wenzel Beuys.