Konrad Fischer Galerie freut sich, die neue Werkserie „BOU“ von Jan Dibbets zu präsentieren.
Seine 1976 erstmals in der Konrad Fischer Galerie ausgestellten „Color Studies“ dienten dabei als Aus-gangsmaterial. Aus diesen, ursprünglich Teile von farbigen und spiegelnden Autokarosserien wiedergebend, hat Dibbets ein Detail von 2 x 4 mm extrahiert und mit Hilfe eines Computerprogramms bis zur Unkenntlichkeit transformiert. Der Auftrag einer Vergrößerung über das maximale Pixelformat hinaus an den Rechner endet in der ?nalen Darstellung einer digitalen Fehlinformation. Die Farbzuweisung liegt dann wiederum in der Entscheidung des Künstlers. Als Abschied vom klassischen Atelierbild erfolgt die Präsentation variabel horizontal, vertikal oder auf dem Kopf stehend.
KIJKEN – Rudi Fuchs
Bilderrätsel
Zufällig produzierte Jan Dibbets’ Computerprogramm keine Pixelcluster, sondern Reihungen und Formklumpen. Diese Bilder kamen buchstäblich aus dem Nichts.
Auf dieser Seite befinden sich zwei Digitaldrucke von Jan Dibbets. Was das grafische Bild und die Farbverteilung angeht, ähneln die beiden Drucke sich. Links ist Bild 1, wie es an der Wand in einer Ausstellung in einer Galerie in Berlin hängt. In der üblichen Praxis des Ausstellens von Kunst ist dies scheinbar die korrekte Version der Arbeit. Bild zwei, rechts davon, ist derselbe Druck, aber umgedreht. Die Absicht ist keineswegs, die beiden Bilder zu vergleichen, indem man sucht, wie wir das früher mit zwei fast identischen Cartoons mit allen möglichen schwer erkennbaren versteckten Unterschieden gemacht haben. Man musste nach diesen Unterschieden suchen: Zum Beispiel kräuselte sich der Rauch in dem einen Bild ein wenig anders als in dem anderen. Das war Realismus. In der Zeitung oder Zeitschrift hieß das: „finde die Unterschiede“. Aber hier wurden die beiden Bilder nicht als Rätsel nebeneinander platziert, sondern als Testsituation. Bild zwei ist, jedenfalls nach den üblichen Regeln der Kunstbetrachtung, fälschlicherweise verkehrt herum positioniert. Diese Umkehrung führt zu einem Unterschied im grafischen Bild zwischen dem einen und dem anderen Bild. Wir können das natürlich sehen, aber es sind die Unterschiede in der Mobilität der Form, die unbeschreibbar sind. Sie entziehen sich der Sprache. Wenn ich die Testsituation ruhig und aufmerksam betrachte, sehe ich Unterschiede, aber es sind Unterschiede, die für den Druck wenig Bedeutung haben.
Ich habe Dibbets in seinem Atelier besucht. Als er mit Computerprogrammen arbeitete, um nach neuen Farbintensitäten zu suchen, war ein solches Durcheinander von Formen entstanden. Das war, was ihm begegnet war. Das Programm hat unerwarteterweise verrückt gespielt. Statt Pixelcluster erschienen diese Reihungen und Klumpen von Formen – ungefähr wie die digitalen Drucke auf dieser Seite. Dutzende von ihnen lagen auf seinem Arbeitstisch herum. Er schaute sie an und schob sie auf seinem Tisch hin und her. So entdeckte er, dass es egal war, wie sie lagen oder an der Wand hängen würden. Diese Drucke entstanden buchstäblich in einer unermesslichen Leere. Normalerweise verwendet ein Künstler sein Material, um Farben Form zu geben, so dass ein Bild entsteht. Auf Holländisch nennt man diesen Prozess vormgeving, also Formgebung. Die Handschrift des Künstlers spielt dabei eine Rolle. Dies ist die Bewegung, die von der Formgebung zur Form führt. Die Form wird mit der Hand und dem Auge gemacht. Man sieht das bei Herfst (Herbst), Edgar Fernhouts extrem geduldiger Malerei in Gelb und Weiß. Wenn wir das mit Dibbets’ digitalem Druck vergleichen, sehen wir in der Malerei, dass die Kraft der langsam angewandten künstlerischen Berührung zu einer robust aussehenden Darstellung geführt hat. Die Oberfläche hat ein stilles Gewicht. So hat Fernhout das Wetter im Herbst wahrgenommen. Die Hand des Künstlers bewegt sich ruhig, um diese Wahrnehmung zu wiederzugeben. Die Landschaft hat ein gewisses Gewicht. Das Gelb hat Atmosphäre, und so erhält das Bild ein natürliches Oben und Unten.
In Dibbets Druck gibt es keine Spur mehr von einer von Hand gemachten Kunst. Es gibt ein merkwürdiges Durcheinander von Flecken und Reihungen. Aber dies ist kein leicht im einem zarten Wind herumwirbelndes Herbstlaub. Es gibt hier einfach etwas Wirbelndes. Es hängt davon ab, wie man es betrachtet. Der Druck hat vier Seiten und kann auf vier verschiedene Arten aufgehängt werden. Das grafische Bild ist leicht in der Form und ätherisch in der Farbe. Dies ist so, weil in diesem Bild keinerlei Kraft bei der Erschaffung der Form angewandt wurde. Man könnte es auch Herbst oder Sich kräuselndes Wasser nennen, oder was immer einem gefällt. Aber was wir sehen, ist aus dem Nichts gekommen. Die Formen und Farben bedeuten nichts, denn sie lassen sich auf nichts zurückverfolgen – weshalb wir keine Idee haben, wie solche grafischen Bilder entstehen. In Fernhouts Gemälde können wir aus seinem typischen Stil sehen, wie es begonnen und wie es weitergeführt wurde. Es war Herbst. Das Gemälde
ist eine Darstellung – und so sehen die Leute ihre Kunst gern. Freunde haben mir ein Gedicht des Künstlers Willem Hussem geschickt: „setze das blau / der see / gegen das blau vom / himmel streiche / das weiß / eines segels / hinein und der / wind steigt auf“. Mit anderen Worten, in der Geschichte wohnt der Kunst schon immer ein Zauber inne. Maler strichen ihre Farbe, Fotografen suchten ihre Position aus. Die Beweglichkeit der Form in Dibbets Drucken ist tatsächlich alles gleichzeitig und jeder Fantasie zugänglich. Dies sind Bewegungen und Wirren, die vielleicht nur im Moment ihrer Entstehung nur einen Bruchteil einer Sekunde dauerten. Es war vielleicht einfach Zufall, dass sie einen Moment lang still standen. Es scheint, als würde die Bewegung immer noch weitergehen. Dibbets druckte sie, weil er seinen Blick nicht von ihnen losreißen konnte. Diese Drucke werden immer existieren. Es ist an uns zu lernen, mit ihnen umzugehen, so wie wir vor hundert Jahren lernen mussten, mit abstrakter Kunst umzugehen.
PS Einige dieser neuen Arbeiten von Jan Dibbets sind bis zum 28. März in der Konrad Fischer Galerie on Berlin zu sehen.
