Viele glauben, in der Malerei sei bereits alles gesagt. Doch wissen wir wirklich, wie ein Bild entsteht? Der alte Ursprungsmythos berichtet vom Abdruck Christi Antlitzes im Tuch der Veronika und suggeriert damit, dass Bilder nicht nur ein Abdruck sind, sondern dass ihnen auch etwas haptisch Materielles anhaftet. Czerlitzki befestigt Leinwände auf der Wand, besprüht sie mit Farbe. Anschließend entfernt er die Leinwände. Zurück bleiben Farbspuren, die durch das Gewebe der Leinwand durchgesickert sind. Sie bilden Strukturen, die der unmittelbare Abdruck der Gewebestruktur der Leinwand sind. Die Leinwand in ihrer materiellen Beschaffenheit wird zum Bild.
Während des Sprühprozesses legt Czerlitzki Leinwände auf den Boden, auf die sich Partikel der im Raum zerstreuten Farbe absetzen. Es entstehen monochrom aussehende Bilder, die nicht fixiert werden, weshalb jede Berührung ihrer Bildfläche Spuren hinterlässt. Czerlitzki lässt diese empfindlichen Bilder transportieren. Dabei nimmt er bewusst in Kauf, dass deren Oberfläche durch die Berührungen zerstört wird. Dabei schafft die Zerstörung jedes Mal ein neues Bild. So wird ein ursprünglich zerstörerischer Prozess zum Bild schaffenden Prozess. Czerlitzkis neuste Bilder bestehen aus in Knochenleim getränkten Leinwänden, deren auf Keilrahmen gespannte Oberfläche durch den Trocknungsprozess zu einer Elefantenhaut ähnlichen, bräunlichen Hülle wird. Diese so geschrumpfte Bildoberfläche überzieht er dann mit klarem Acrylgel, welches den Bildern eine abweisende Künstlichkeit verleiht. Czerlitzki nennt diese Bilder „Fleshout“. Auch sie sind das Ergebnis nicht eines Malaktes, sondern eines banalen Trocknungsprozesses, der die Leinwand zur stark haptisch wirkenden Haut verwandelt.
- Noemi Smolik
Paul Czerlitzki (*1986 in Gdansk, Polen, lebt und arbeitet in Düsseldorf) studierte an der Kunstakademie Düsseldorf bei Katharina Grosse. Das Kunstmuseum Bonn zeigt aktuell im Rahmen seiner neuen Sammlungspräsentation "Re-Vision" einen Raum von Paul Czerlitzki. Seine Arbeiten wurden u.a. im Projekt Neuer Norden Zürich, in der Bundeskunsthalle in Bonn, im Kölnischen Kunstverein, in der Akademie-Galerie Düsseldorf und im Leopold Hoesch Museum Düren gezeigt und befinden sich in zahlreichen privaten und institutionellen Sammlungen in Frankreich, in der Schweiz und in Deutschland, darunter in der Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland.
