Monopol Magazin: Michael Clark & Jim Lambie in Berlin

Glamour, Champagner, Untergang

 

Während die Leute für Pierre Huyghe vor dem Berghain Schlange stehen, performt der Choreograf Michael Clark in der Ausstellung von Jim Lambie. Notizen aus dem manchmal gar nicht so post-coolen Berlin

 

Letzte Woche fühlte sich Berlin mal wieder so gar nicht post-cool und over an. Donnerstagabend, zur Eröffnung der Pierre-Huyghe-Ausstellung in der Halle am Berghain, bildete sich draußen eine Schlange, die es in Sachen Länge und Looks locker mit jeder Clubnacht im berüchtigten Technotempel aufnehmen konnte. Am Freitag dann hätten sich wohl ebenso viele Leute vor der Konrad Fischer Galerie gedrängt, wenn nicht schon vorab die Gästeliste geschlossen worden wäre. Die Auserwählten kamen in den Genuss einer Performance des Tänzers und Choreografen Michael Clark. 

 

Für alle, die von Tanz so wenig Ahnung haben wie der Autor dieses Textes: Clark brachte Anfang der 80er-Jahre den Punk ins Ballett und gilt als großer Rebell seines Fachs; er kollaborierte mit Künstlern wie Sarah Lucas, Peter Doig und Leigh Bowery, arbeitete mit der Musik von Lou Reed, Iggy Pop, The Fall, Jarvis Cocker und immer wieder David Bowie. Ich hatte ihn vor Jahren mal im Haus der Berliner Festspiele gesehen, da tanzten seine Performer zu Musik von Scritti Politti, und das war mindestens so mindblowing wie eine Nacht im Berghain, wenn da nicht gerade Pierre Huyghe auftritt.

 

Nach Berlin ist Clark jetzt gekommen, um mit einer Performance die Ausstellungseröffnung von Jim Lambie bei Konrad Fischer zu begleiten – die beiden sind Freunde seit Studienzeiten. Wie Clark ist Lambie Schotte, ebenfalls Anfang der 60er geboren und neben seiner Künstlerlaufbahn mit einem Fuß in der Musik und Clubkultur zuhause. Bekannt wurde er Ende der 1990er mit seinen psychedelischen Zobop-Bodeninstallationen aus vielfarbigen Vinyltapes – sein neues Exemplar in Berlin bilden reflektierende silberne und weiße Streifen, was ein bisschen an Warhols erste Factory erinnert. Auf dieser Installation verteilen sich vier Tänzerinnen und Tänzer zunächst wie zu einer Probe. Clark selbst spielt am Laptop die Musik ein – es ist "Save it" von der Punkrockband The Cramps. Dann stoppt er das Rehearsel, murmelt seinen Tänzern neue Anweisungen zu - es geht von vorne los.

 

Alltagsdinge und opulente Pracht

So breitet sich nach und nach eine Stimmung der Improvisation und des Unfertigen aus, die das Werk der beiden Künstler genauso charakterisiert wie die Kollision der Gegensätze. So wie bei Clark die rohe musikalische Anarchie in die rigide Strenge der Ballettkörper dringt, lädt Lambie ausrangierte Dinge mit opulenter Pracht und psychotroper Energie auf.

 

Wiederverwendete, mit Bleiprofil verbundene Sonnenbrillengläser ergeben wabenförmig angeordnete Juwelen, die Farbe und Licht brechen. Seine Metal Box-Skulpturen aus übereinander geschichteten, fluoreszierenden Blechen haben Eselsohren wie abblätternde Plakate im Stadtraum. Hemdkragen, Halskette, Sicherheitsnadeln, Marlboro-Light-Packung, Bambus und farbiges Garn werden zu einem Psychedelic Soul Stick 68. Mit expandierendem Schaumstoff gefüllte und auf eine weiße Leinwand montierte Kartoffelsäcke drehen die alte Idee von der Malerei als Fenster um – und fungieren wie Portale nach innen. The Other Side of the Sun heißt ein Werk der Serie.

 

Und so wie Clarks Tänzer beschwören auch Lambies Werke eine traumgleiche, ominöse, extravagante Atmosphäre, schillern zwischen DIY-Ästhetik und subversivem Glamour, Champagner und Untergang, Aktivierung und Pause: ein existentialistisches Besser-Scheitern, eine Feier der unhintergehbaren Schönheit der Körper und der Musik und Gemeinschaft und Kunst. Auch und gerade in diesen beschissenen Zeiten, zumindest für diesen Augenblick. Video- oder Fotoaufzeichnungen sind an diesem Abend nicht erlaubt.

 

Von wegen no future

Im grandiosen Finale tanzen die Performer zu David Bowies "Aladdin Sane (1913–1938–197?)" mit der immer noch unfassbaren Freejazz-Klavier-Improvisation von Mike Garson. Bowie schrieb den Song inspiriert von Evelyn Waughs "Lust und Laster" – er sah in der 1930 erschienenen Geschichte über britische Dekadenz und Dandytum am Vorabend der Weltkriegskatastrophe ein Spiegelbild der US-Gesellschaft zu Beginn der 70er. 

Im Songtitel verweisen die Jahreszahlen in Klammern auf die Jahre vor dem Ersten und Zweiten Weltkrieg. Das dritte, unbekannte Datum steht für den bevorstehenden Dritten. Von wegen no future.

 

– Sebastian Frenzel

Januar 28, 2026