Kunst ist die Intensivierung des Lebens
— Mario Merz
Mario Merz (1925–2003) war eine Schlüsselfigur der europäischen Nachkriegskunst und eine der grundlegenden Stimmen der Arte Povera. In Mailand geboren und überwiegend in Turin tätig, entwickelte sich Merz’ künstlerische Praxis vor dem Hintergrund tiefgreifender sozialer und politischer Umbrüche. 1943 brach er sein Medizinstudium ab, um sich der antifaschistischen Widerstandsgruppe Giustizia e Libertà anzuschließen. Nach seiner Verhaftung im darauffolgenden Jahr begann er im Gefängnis intensiv zu zeichnen und entwickelte eine Arbeitsweise, in der die Linie als kontinuierliche, ununterbrochene Geste fungierte – ein frühes Anzeichen seines lebenslangen Interesses an Energie, Akkumulation und organischem Wachstum.
Merz’ erste Einzelausstellung fand 1954 in der Galleria La Bussola in Turin statt. Mitte der 1960er-Jahre wandte er sich entschieden von der Malerei ab und integrierte Alltagsobjekte wie Flaschen, Regenschirme und Regenmäntel in Arbeiten, die von Neonlicht durchzogen waren. Diese materialnahe und zugleich konzeptuell weitreichende Bildsprache verband Merz mit jener Künstlergruppe, die der Kritiker Germano Celant 1967 unter dem Begriff Arte Povera zusammenfasste – ein Begriff, der den radikalen Einsatz „armer“ Materialien ebenso betonte wie die Auflösung der Grenzen zwischen Kunst und Leben.
Seine erste Ausstellung bei der Konrad Fischer Galerie realisierte Merz 1970. In dieser Phase entstanden auch seine ikonischsten Motive: die Igloo-Form – ausgeführt in Materialien von Metall und Glas bis hin zu Ton, Stein und organischen Stoffen – sowie die Fibonacci-Folge, häufig in Neon umgesetzt. Gemeinsam artikulieren diese Strukturen und Zahlen eine Vorstellung von natürlichem Wachstum, Zirkulation und Schutzraum. Sie oszillieren zwischen Innerlichkeit und öffentlicher Ansprache und spiegeln Merz’ anhaltende Auseinandersetzung mit Behausung, Nomadismus und der Durchlässigkeit architektonischer, sozialer und energetischer Systeme wider. Ihre Präsentation in unterschiedlichsten Kontexten, von der Mole Antonelliana in Turin (1984) bis zur Rotunde des Solomon R. Guggenheim Museum in New York (1971), etablierte diese Arbeiten zugleich als skulpturale Umgebungen und als expansive räumliche Setzungen.
Merz’ erste museale Einzelausstellung in den Vereinigten Staaten fand 1972 im Walker Art Center, Minneapolis, statt. Es folgten eine große Retrospektive im Solomon R. Guggenheim Museum, New York (1989), sowie im selben Jahr eine Überblicksausstellung im Museum of Contemporary Art, Los Angeles. Weitere bedeutende Präsentationen wurden unter anderem im Museum Folkwang, Essen (1979); in der Kunsthalle Basel (1975, 1981); im Stedelijk van Abbemuseum, Eindhoven (1979); in der Whitechapel Art Gallery, London (1980); im Kunsthaus Zürich (1985); sowie im Castello di Rivoli, Turin (1990), realisiert. Zu den jüngeren institutionellen Projekten zählen Ausstellungen in den Gallerie dell’Accademia, Venedig (2015); im Pirelli HangarBicocca, Mailand (2018–19); im Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía, Madrid (2019–20); sowie die Überblicksausstellung der Dia Art Foundation in Dia Beacon (2020).
Merz nahm viermal an der documenta teil (1972, 1977, 1983, 1992). Seine Arbeiten sind in bedeutenden internationalen Sammlungen vertreten, darunter Tate, London; Centre Pompidou, Paris; The Museum of Modern Art, New York; Castello di Rivoli, Turin; Hirshhorn Museum and Sculpture Garden, Washington, D.C.; sowie das Walker Art Center, Minneapolis. 2003 wurde ihm der Praemium Imperiale für Skulptur verliehen.
