Manfred Pernice gilt als eine zentrale Position der zeitgenössischen Skulptur, deren Werk die Beziehungen zwischen Architektur, Präsentationsformen und Systemen urbaner Organisation maßgeblich erweitert hat. Seit den frühen 1990er-Jahren entwickelt er eine eigenständige skulpturale Sprache, die sich aus Bezügen zur Architektur, zum Ingenieurbau sowie zu Verpackungs- und Transportsystemen speist. Mit Materialien wie Spanplatten, Sperrholz, Eisen, Fliesen, Karton und Beton konstruiert Pernice Formen, die zugleich an die Vorläufigkeit von Baustellen erinnern und den Anspruch autonomer Skulptur behaupten. Seine Arbeiten verweisen häufig auf urbane Infrastrukturen und Zirkulationssysteme und sind zugleich von einem anhaltenden Interesse daran geprägt, wie Objekte im Raum präsentiert, organisiert und gelagert werden. Nicht selten erscheinen sie als modulare Elemente einer übergeordneten strukturellen Logik.
Pernices Praxis lässt sich als Untersuchung provisorischer Architektur und der Akkumulation von Erinnerung verstehen. Ein früher konzeptueller Ausgangspunkt war der Begriff der Verdostheit – eine Art „Eindosung“ oder Einschluss der Welt –, der sich zunächst in zylindrischen und kubischen Gefäßformen manifestierte. Diese entwickelten sich im Laufe der Zeit zu komplexen, prismatischen Strukturen weiter, die im Ausstellungsraum eine ausgeprägte physische Präsenz entfalten. Trotz ihrer Massivität bewahren sie ein Moment des Unabgeschlossenen und rücken Prozesshaftigkeit, Kontingenz und die Instabilität jeder festen Ordnung in den Vordergrund.
Die Oberflächen und Innenräume dieser skulpturalen Konfigurationen fungieren als offene Systeme. Pernice integriert Texte, Zeichnungen, Zeitungsausschnitte, Fotokopien, fotografisches Material und gefundene Objekte und schreibt so sozio-kulturelle Codes und lokale Referenzen in seine Arbeiten ein. Es entsteht ein vielschichtiges Gefüge, in dem räumliche, historische und persönliche Bezüge aufeinandertreffen. Seine skulpturalen Konstruktionen fungieren zugleich als Behälter, Präsentationsdispositive und kognitive Karten.
Zwei methodische Prinzipien sind für Pernices Arbeit zentral: Unschärfe und Peilung. Eine Peilung bezeichnet einen momentanen Akt der Orientierung – den Versuch, die eigene Position innerhalb einer komplexen Welt zu bestimmen, bei gleichzeitiger Anerkennung der Vorläufigkeit jeder Ordnung und Klassifikation. Durch Prozesse des Sortierens, Trennens und Bewahrens von ausrangiertem oder übersehenem Material schafft Pernice poetische Referenznetzwerke, die die Instabilität von Bedeutung zulassen und dennoch auf einer insistierenden materiellen Präsenz beharren.
Manfred Pernice studierte an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig (1984–1987) sowie an der Hochschule der Künste Berlin (1988–1994). Seine Arbeiten wurden in bedeutenden internationalen Ausstellungen präsentiert, darunter auf der Biennale von Venedig (2001, 2003) und der documenta XI (2002). Weitere Teilnahmen umfassten unter anderem Manifesta 3, Ljubljana (2002), die Berlin Biennale (1998), die Biennale de Lyon (1997), die Biennale von Sevilla (2006), die Skulptur Projekte Münster (2007) sowie die Biennale von São Paulo (2011). Seit 2007 ist sein Werk wiederkehrend im Kontext von KölnSkulptur vertreten.
Arbeiten von Manfred Pernice befinden sich in bedeutenden öffentlichen Sammlungen weltweit, darunter The Museum of Modern Art und das Solomon R. Guggenheim Museum, New York; Tate Modern, London; S.M.A.K., Gent; die Pinakothek der Moderne, München; sowie das Kunstmuseum Liechtenstein, Vaduz.
Manfred Pernice lebt und arbeitet in Berlin.
